Kompositionsauftrag von tritonus e.V.

Uraufführung: 09.06.2019
Plantage 13 Bremen
Tobias Klich – Gitarre

»Ich interessiere mich dafür, wie ein Objekt oder ein Mensch durch den Wechsel der Umgebung und des sozialen, kulturellen Kontextes verändert und anders angesehen werden kann.

In einem Versuch des sowjetischen Filmregisseurs Lew Kuleschow wurde das Gesicht eines Schauspielers mit jeweils drei unterschiedlichen Bildern von einer warmen Suppe, einem Kind im Sarg und einer hübschen Frau montiert. Als diese kombinierten Einstellungen den Zuschauern gezeigt wurden, glaubten sie, völlig unterschiedliche Ausdrücke im Gesicht des Darstellers zu erkennen – obwohl es sich dabei immer um die gleiche Aufnahme handelte. So erleben wir bewusst oder unbewusst diese Augentäuschung, dass ein unverändertes Objekt je nach Kontext anders angesehen wird.

In meinem Stück untersuche ich, wie die unterschiedlichen musikalischen Materialien abhängig vom Kontext von Dynamik, Rhythmus, Klangfarbe und Tonhöhe jeweils anders klingen. Zudem sind die sich wiederholenden Materialien im gleichen Zusammenhang zwar immer gleich oder ähnlich zu hören, aber durch die Änderung der körperlichen Spielhaltung des Musikers immer anders zu sehen, oder während der Wiederholung – unter Beibehaltung der Spielgestik – zwar immer gleich zu sehen, aber immer anders zu hören. Noch dazu wird versucht, durch die körperliche und pantomimische Spielbewegung gesehen, aber gar nicht gehört sowie durch die Lichtinszenierung gehört, aber nicht gesehen zu werden. Im Stück existiert also sowohl eine Augentäuschung, als auch eine Ohrentäuschung. Die aus vielen Perspektiven beobachteten und untersuchten einfachen Materialien klingen durch die wechselnden Kontextualisierungen immer anders und zeigen sich auch anders. Mit der Zeit bildet sich daraus eine eigene Klangwelt.

»Alles in Ordnung?« – »Hast du schon gegessen?« – Diese beiden Sätze sind unterschiedliche Begrüßungsformeln in Deutschland und Korea, durch die für mich der Abstand dieser Kulturen, in denen ich beide lebe, besonders erfahrbar wird. In solchen sprachlichen Beobachtungen der kulturellen Abstände kristallisiert sich die Frage nach meiner eigenen Identität.

»Alles in Ordnung?« Wie kann man auf diese Frage reagieren und antworten? Und was bedeutet diese Frage konkret im musikalisch-kompositorischen Zusammenhang?«

Seungwon Yang (2019)

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1. Februar 2019